Euro-Uhr tickt!

Ein potenzielles Versagen der europäischen Staatsführer, sich im Zuge ihres Gipfeltreffens in der kommenden Woche auf eine nachhaltige Lösung der Staatsschuldenkrise in der Eurozone zu einigen, könnte zu einem Auseinanderbrechen der politischen Einheit in der Region führen. Darüber hinaus warnen Experten vor immensen systemischen Verwerfungen, einem Zerfall der Gemeinschaftswährung Euro und einer dadurch bedingten Rezession in der Weltwirtschaft.

Europas Politik scheint zu zersplittert, um sich auf echte Lösungen in der Eurokrise zu einigen

Die globale Wirtschaft befindet sich bereits in einem Abschwung, wodurch die Verwundbarkeit in Bezug auf neue Schockwellen an den Finanzmärkten am Wachsen ist. Insbesondere Europa könnte sich in diesem Kontext als Epizentrum einer zweiten Finanzkrise erweisen. China gab heute Morgen bekannt, die Mindestreserveanforderungen für das heimische Bankensystem erstmals seit drei Jahren gesenkt zu haben, nachdem der Produktionssektor des Landes in einer Geschwindigkeit schrumpfte, die seit Februar 2009 nicht mehr zu beobachten gewesen ist.

Auch Brasiliens Zentralbank senkte ihren Leitzins zum dritten Mal seit August. Nur in den Vereinigten Staaten kam es in den letzten Wochen zu positiver als an den Märkten erwartet ausgefallenen Konjunkturdaten. Die Arbeitslosenquote fiel im Monat November auf 8,6%, dem niedrigsten Niveau innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre.

In diesem Hinblick stellt sich jedoch die Frage, ob man die durch das Arbeitsministerium publizierten Daten noch ernst nehmen kann, nachdem immer mehr Arbeitslose ihre Ansprüche auf Arbeitslosenhilfe einbüßen und somit aus der offiziellen Statistik fallen. Die heimischen Produzenten und Einzelhändler berichteten über zuletzt steigende Ausgaben der Verbraucher und wiesen auf ein langsames, jedoch graduell steigendes Wachstum hin. Die Entwicklung in Europa liegt allerdings wie ein Damoklesschwert über der weiteren Performance der Finanzmärkte.

Die ökonomischen Risiken haben sich laut Experten in den vergangenen Monaten in einer Weise erhöht, dass drei Jahre einer zähen weltwirtschaftlichen Erholung von den Auswirkungen der Finanzkrise komplett zunichte gemacht werden könnte. Nicht nur Ökonomen, sondern auch Zentralbanken und Politiker vergleichen die Dimension der europäischen Krise mit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008. Dieser Schock beförderte die Weltwirtschaft in die tiefste Rezession seit den 1930iger Jahren.

Die immensen finanziellen Probleme Europas ließen sich mehr unter den Teppich kehren. Der gesamte Kontinent könnte durch die Krise erfasst und erschüttert werden, falls sich die Politik nicht bald auf nachhaltige Krisenabwehrmaßnahmen einige, wie Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy am Donnerstag erklärte. Mervin King, Gouverneur der Bank of England warnte in diesem Kontext vor dem Ausbruch einer systemischen Krise und fügte hinzu, dass niemand wirklich vorhersehen könne, auf welche Weise die Eurozone überleben könne, falls es zu Staatsbankrotten in der Eurozone kommen sollte. Es handele sich beim aktuellen Szenario definitiv um eine zweite Art von Lehman, und die Politik wäre gut beraten, sich mit aller Macht gegen eine derartige Entwicklung zu stemmen, so die allgemeine Ansicht an den Märkten. Europas Staatsführer blickten in den letzten zehn Tagen bereits in den finanziellen Abgrund, nachdem die heimischen Kreditmärkte abermals einfroren.

Auslöser für diese Entwicklung war eine fehl geschlagene Bondauktion der Deutschen Bundesbank, woraufhin die Zinsen auf deutsche Staatsanleihen in der letzten Woche kletterten. In diesem Zuge standen ebenfalls die Zinssätze angeschlagener Staaten wie Italien und Spanien im Fokus der Märkte, die ebenfalls weiter zulegten. Die Angst geht um unter Europas Investoren, dass sich die Krise in den Peripheriestaaten der Eurozone langsam aber sicher in das Herz des Kontinents frisst – und damit auch Frankreich und Deutschland in ihren Sog zieht.

Fünf große Zentralbanken senkten am Mittwoch ihren Zins auf die Erhältlichkeit verschiedener Devisenkredite und weiteten die zur Verfügung stehenden Kreditlinien für Europas Banken aus, um einen Liquiditätsschock zu vermeiden. Die Erleichterung über diese Maßnahmen an den Finanzmärkten wird jedoch nicht besonders lange anhalten, solange sich Sarkozy und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, nicht auf die Ausarbeitung eines Abkommens zu zukünftig geltenden Budgetregeln einigen können. Erschwerend kommt hinzu, dass dem finalen Plan alle 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union zustimmen müssen.

Aus diesem Grunde sind die Erwartungen an die Fähigkeit zu echten Krisenlösungsmechanismen unter Investoren zurzeit mehr als gedämpft. Schließlich hatten die in jüngster Vergangenheit auf Gipfeltreffen beschlossenen Maßnahmen lediglich den Charakter halbherziger Versuche, an den Finanzmärkten wieder Ruhe einkehren zu lassen. Darüber hinaus hat Europas Politik einstmals gegebene Versprechungen bis heute nicht eingehalten. Nur wenige Beobachter rechnen deshalb damit, dass der Gipfel in der kommenden Woche eine echte Lösung in der Eurokrise bringen wird.

Eine Mehrheit der Investoren würde jedoch gerne sehen, dass die politisch uneinigen Staatsführer Europas in der Zukunft signifikante Fortschritte an der Krisenfront machen und ein Zeichen setzen, dass sie sich darüber einig sind, einen Teil der nationalen Kontrolle über ihre Budgets an Brüssel abzutreten, um in Richtung einer echten politischen Union zu marschieren. Sollte dies nicht geschehen, wird es sehr wahrscheinlich zum Ausbruch einer neuen globalen Rezession kommen, die ein Auseinanderbrechen der Eurozone zur Folge haben dürfte. Weltweit dürfte eine solche Entwicklung eine Kettenreaktion auslösen, die sich wie ein Lauffeuer in die Vereinigten Staaten, Südamerika und Asien ausbreiten würde.