Europas Banken brauchen weitaus mehr Cash

Europas Banken müssen ihr Eigenkapital um 114,7 Milliarden Euro aufstocken, was einer deutlichen Steigerung im Vergleich mit den vor zwei Monaten veröffentlichten Prognosen entspricht. Um für die in der Region grassierende Staatsschuldenkrise gerüstet zu sein und das Vertrauen der Investoren wieder herzustellen, müssten die Institute laut der European Banking Authority (EBA) teils drastische Maßnahmen ergreifen, wodurch sich die Kreditvergabe in der Eurozone weiter minimieren werde.

Die vor zwei Monaten publizierten Schätzungen erweisen sich bereits als Schall und Rauch

Laut European Banking Authority (EBA) erweist sich der Kapitalmangel unter insgesamt 71 analysierten Banken der Region um rund 8 Prozent höher als die im Oktober geschätzten 106,4 Milliarden Euro. Vor allem Deutschlands, Italiens, Österreichs und Belgiens Großbanken hätten zur Aufwärtsrevision der vormaligen Schätzungen beigetragen. Die betroffenen Institute müssten ihre Kapitallücken durch die Aufnahme frischen Kapitals in Form von Aktienemissionen, sinkenden Krediten an Unternehmen und Verbraucher, den Verkauf von Vermögenswerten, einer Reduzierung ihrer Dividendenzahlungen sowie Gehaltskürzungen für ihr Personal aufbringen. Im Falle, dass es bestimmten Banken nicht gelingen sollte, den zusätzlichen Kapitalanforderungen gerecht zu werden, müssten sich Regierungen und Steuerzahler abermals darauf vorbereiten, den entsprechenden Kreditgebern einen Bailout zu liefern. Deutsche Banken benötigen in diesem Zusammenhang zusätzliche 13,1 Milliarden Euro – somit mehr als doppelt so viel als die im Oktober veranschlagten 5,2 Milliarden Euro, wie aus der Mitteilung der EBA hervorgeht. Allein die bereits teilverstaatlichte Commerzbank benötigt zusätzliche 5,3 Milliarden an frischem Kapital und die Deutsche Bank weitere 3,2 Milliarden Euro. Spaniens Banken müssen zusammen zusätzliche 26,2 Milliarden Euro an Märkten auftreiben, von denen 15,3 Milliarden Euro auf Santander und 6,3 Milliarden Euro auf BBVA entfallen.

Zur Präsentation ihrer Pläne zum Stopfen ihrer Finanzlücken wird Europas Instituten bis zum 20. Januar 2012 Zeit gegeben. Laut EBA muss die Rekapitalisierung der Institute bis Ende Juni des kommenden Jahres abgeschlossen sein. Die Europäische Zentralbank teilte heute nach ihrer Zinssitzung mit, dass sie den Banken der Region erstmals in ihrer Geschichte unlimitierte Finanzierungen für einen Zeitraum von drei Jahren zur Verfügung stellen wird, um eine erneute Kreditklemme in Europa zu verhindern. Laut EBA müssen die Banken ein Tier 1 Kapital in Höhe von mindestens 9 Prozent für das Halten riskanter Vermögenswerte erreichen. Diese Verpflichtung übersteigt die durch die Führer der Weltgemeinschaft vereinbarten 7 Prozent bei Weitem, die Banken bis zum Jahr 2013 vorhalten müssen. Viele der Institute werden ihre Aktionäre um Kapitalerhöhungen bitten, die einen Umfang von etwas weniger als 30 Milliarden Euro erreichen dürften. Diese Maßnahmen sollen laut Analysten dazu beitragen, das immense Finanzloch zu schließen.

Griechenlands Banken ist mitgeteilt worden, dass sie ihre Kapitalpolster um 30 Milliarden Euro erhöhen müssen, wovon der größte Betrag im Zuge eines laufenden Rettungsprogramms gestemmt werden dürfte. Rund 9 Milliarden Euro werden durch Spaniens Banken sehr wahrscheinlich in Form einer Umwandlung von Schulden in Vermögenswerte gestemmt. BNP Paribas, Societe Generale, UniCredit, Commerzbank und einige andere Institute haben bereits angekündigt, ihre Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher zu reduzieren, um Kapitalerhöhungen zu vermeiden. Kapitalerhöhungen würden sich für die genannten Institute zurzeit aufgrund ihrer niedrigen Aktienkurse als äußerst kostspielig entpuppen. An den Märkten haben diese Ankündigungen allerdings Befürchtungen geweckt, dass die strikteren Kreditvergabepraktiken die wirtschaftliche Erholung der Region aushebeln könnten. Der Schuldenabbau unter Europas Banken könnte in den kommenden drei Jahren einen unglaublichen Betrag von bis zu 3 Billionen Euro erreichen. Manche Experten gehen in den kommenden vier bis sechs Jahren sogar von einem Betrag in Höhe von 4,5 Billionen Euro aus.